Sudetendeutsche Geschichte

Historie bis 1918

Quelle: www.sudeten.de/Chronik


Der Name der Sudetendeutschen und die Geschichte ihrer Heimat bis 1918

Die Heimat der Sudetendeutschen sind die knapp 28.000 Quadratkilometer umfassenden Randgebiete von Böhmen, Mähren und Sudetenschlesien, jenem kleinen Teil Schlesiens, der 1763 nach dem Siebenjährigen Krieg zwischen Österreich und Preußen bei Österreich geblieben war.

Die Bezeichnung "Sudetendeutsche" leitet sich von dem rund 330 Kilometer langen Gebirgszug der Sudeten ab, der sich im Norden Böhmens, Mährens und Sudetenschlesiens hinzieht. Der Name "Sudetendeutsche" wurde vereinzelt schon im 19. Jahrhundert benutzt und setzte sich seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts, vor allem ab 1919, als Sammelbegriff für die über drei Millionen Deutschen in Böhmen, Mähren und Sudetenschlesien (= böhmische Länder) durch. Die Sudetendeutschen sind in sich durchaus vielfältig. Sie unterscheiden sich nach Mundart, Herkunft und regionaler Kultur entsprechend den angrenzenden deutschen Regionalbevölkerungen der Altbaiern, Franken, Sachsen und Schlesier. Ihr Schicksal seit 1918 hat sie jedoch zu einer politischen Einheit werden lassen.

Bevor die Tschechen in der Mitte des 6. Jahrhunderts in das Innere Böhmens und Mährens gelangten, war dieses Land schon über 500 Jahre lang von germanischen Stämmen - Markomannen entlang der Elbe in Böhmen und Quaden in Mähren - bewohnt. Der römische Schriftsteller Tacitus berichtet in seiner "Germania" darüber, wie diese ihrerseits in der Zeit um Christi Geburt die keltische Vorbevölkerung der Bojer verdrängt hatten. Im 12. und 13. Jahrhundert riefen dann böhmische Herzöge und Könige Deutsche als Bauern, Bergleute, Handwerker, Kaufleute und Künstler ins Land, um vor allem die bis dahin nur sehr dünn besiedelten Randgebiete erschließen und kultivieren zu lassen. Auch Juden und vereinzelt Romanen kamen damals ins Land. In der Stadt Prag lebten Deutsche und Juden bereits spätestens seit dem 11. Jahrhundert.

Die böhmischen Länder, also auch die Heimat der Sudetendeutschen, war seit dem 10. Jahrhundert ein Bestandteil des Heiligen Römischen Reiches, wenn auch mit einem oft großen Maß an Eigenständigkeit. Kaiser wie Karl IV. und Rudolf II. hatten ihren Sitz in Prag, der Hauptstadt Böhmens. In ihr gründete Karl IV. 1348 die erste Universität im Gebiet des deutschen Reiches, das Land erlebte im 14. Jahrhundert eine beispiellose Blüte. Rund 800 Jahre lang lebten Deutsche und Tschechen fast immer friedlich neben- und miteinander. Soweit es Spannungen gab, hatten diese eher religiöse und soziale als nationale Ursachen. Auch wurden diese Konflikte außer in den Hussitenkriegen (1419/20-1436) nicht gewaltsam ausgetragen. Infolge dieser Kriege wurden in den 1420er Jahren die bis dahin ziemlich großen deutschen Sprachinseln in Innerböhmen vernichtet, etwa die Sprachinsel von Kolin-Kuttenberg-Tschaslau in Ostböhmen. Dies geschah durch Vertreibung und Assimilation, teilweise aber auch durch physische Vernichtung der deutschen Bewohner. Die Deutschen in Prag und in den Grenzregionen überstanden die Hussitenkriege dagegen, wenn auch mit erheblichen Verlusten, wie bespielsweise in Aussig. Das gesamte Land, das vor den Hussitenkriegen in Europa eine führende Stellung hatte, wurde in seiner Entwicklung weit zurück geworfen. Es dauerte rund 200 Jahre, bis dieser Rückstand aufgeholt war.

1526 kamen die böhmischen Länder und damit auch die Heimatgebiete der Sudetendeutschen unter die Herrschaft der Habsburger und wurden damit ein Teil Österreichs. Ein weiteres wichtiges Datum ist die Schlacht am Weißen Berg bei Prag (1620) als die katholischen Habsburger einen Aufstand böhmischer Protestanten (darunter gleichermaßen Tchechen und Deutsche) niederschlugen. Mit der nun einsetzenden Restauration wurde die tschechische Sprache aus dem öffentlichen Leben teilweise verdrängt. Für die Tschechen stellt der "Weiße Berg" deswegen bis heute ein nationales Trauma dar.

Böhmen und Mähren gehörten zusammen mit ganz Österreich bis 1806 dem römisch-deutschen Reich und von 1815 bis 1866 dem Deutschen Bund an. 1848 wählten und entsandten auch die Sudetendeutschen Abgeordnete in die erste deutsche Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche. Auch tschechische Abgeordnete aus Mähren waren dort vertreten, nicht aber tschechische Abgeordnete aus Böhmen. Die nationalen Leidenschaften waren seit Anfang des 19. Jahrhunderts wieder entflammt, als die von der französischen Revolution ausgehende Welle des Nationalismus auch die böhmischen Länder erfasst hatte. Aber auch diese Auseinandersetzungen blieben bis zum Jahre 1918 gewaltlos. Einen wesentlichen Anteil an der kulturellen und wissenschaftlichen Entwicklung der böhmischen Länder hatte nicht zuletzt die jüdische Gemeinschaft, die ganz überwiegend deutschsprachig war. Das Nebeneinander von Deutschen, Tschechen und Juden hat insbesondere in Prag eine einzigartige Kulturlandschaft hervorgebracht.

Bis 1918 (de iure sogar bis 1919) gehörten die Sudetendeutschen dem österreichisch-ungarischen Habsburgerreich an. Das Ende des Ersten Weltkriegs 1918, brachte die Zerschlagung des österreichisch-ungarischen Vielvölkerstaates. Die rund 6,7 Millionen Tschechen forderten einen eigenen Staat, dem auch die industriereichen Siedlungsgebiete der Sudetendeutschen angehören sollten.

Militärische Besetzung des Sudetenlandes (November 1918 bis Januar 1919)

Nach der Ausrufung der Tschechoslowakischen Republik (CSR) am 28. Oktober 1918 forderten die Sudetendeutschen unter Berufung auf das Selbstbestimmungsrecht der Völker den Verbleib ihrer Heimatgebiete bei dem zur Republik Deutsch-Österreich verkleinerten österreichischen Staat, der seinerseits seinen Willen zum Zusammenschluss mit dem Deutschen Reich bekundete. Im Vertrauen auf das von den Siegermächten, insbesondere von US-Präsident Wilson proklamierte Selbstbestimmungsrecht leisteten die Sudetendeutschen nur geringen Widerstand gegen die Besetzung ihres Landes durch tschechisches Militär (31.10.1918 - 28.1.1919). An mehreren Orten gab es aber Kämpfe, so bei Zlabings (17./18.11.), Gastorf (26.11., 2 Tote), in Brüx (27./28.11., mindestens 6 Tote), Wiesa-Oberleutensdorf (1.12., 2 Tote), Kaplitz (3.12., 2 Tote) und an mehreren Orten Südmährens (30.11.-11.12.).

Außerdem gab es an einigen Orten blutige Übergriffe gegen sudetendeutsche Zivilisten, so wurden auf dem Marktplatz von Mährisch Trübau am 29.11. fünf Zivilisten erschossen und 20 verwundet. Mehrere Orte wurden mit Beschießung durch Artillerie bedroht, darunter Brüx (29.11.), Mährisch Schönberg (15.12.) und Eger (ca. 15.12.). Eine Waffe zur Brechung des Widerstandswillens der Deutschen war der Hunger. Lebensmittel- und Kohlelieferungen in die Grenzgebiete und nach Wien wurden sofort ab dem 28.10.1918 rigoros gestoppt. Außerdem wurden während der Besetzung viele Zeitungen zensiert und mehrere hundert Deutsche als Geiseln genommen. Angesichts dieses brutalen Vorgehens konnte die Besetzung auch mit Eisenbahnerstreiks (in Nordböhmen ab 26.11. für mehrere Wochen, in Westböhmen am 5.12.) und Massendemonstration in vielen Städten (8.12.) nicht verhindert werden. Am 3./4.12. gab Außenminister Bauer in Wien unter dem Druck der katastrophalen Versorgungslage der Stadt der CSR zu verstehen, dass kein Widerstand mehr geleistet werden würde. Bis Weihnachten waren rund 80% der deutschen Gebiete besetzt, bis zum Jahresende etwa 95%. Dieses Vorgehen verstieß nicht nur gegen das Selbstbestimmungsrecht der Völker, sondern vielfach auch gegen die Haager Landkriegsordnung von 1907.

Ferner gab es von November 1918 bis Januar 1919 und erneut von Mai bis Juli 1919 größere Operationen des tschechischen Militärs gegen Ungarn, um die Zugehörigkeit der Slowakei zur neugegründeten Tschechoslowakei zu sichern. Die slowakische Bevölkerung verhielt sich gegenüber dem neuen Staat sehr zurückhaltend. Vieles spricht dafür, dass das slowakische Volk in einer freien Abstimmung 1918/19 einen tschechoslowakischen Staat nicht gewollt hätte - nicht zuletzt die Entwicklung der Jahre 1939 und 1992, als jeweils ein eigener slowakische Staat entstand.

Die wahrscheinlich entscheidende Rolle des militärischen Zwangs bei der Schaffung der Tschechoslowakei ist ein heute vergessenes Kapitel der Geschichte. Auch wissenschaftlich sind diese Vorgänge bisher schlecht dokumentiert, beispielsweise existiert noch keine zusammenfassende Darstellung der militärischen Besetzung des Sudetenlandes um die Jahreswende 1918/19, wohingegen es über das Münchner Abkommen von 1938 sehr viele Darstellungen gibt.